Bilanz zur Kulturhauptstadt nach dem ersten Quartal?

Die Ruhr.2010 zieht zum Ende des ersten Quartals eine positive Bilanz (was denn sonst?), die sie allerdings (bisher?) nicht auf den eigenen Seiten veröffentlicht (nach einem Monat hatte sie das noch gemacht). Auf freiepresse.de hab ich den Pressetext gefunden. Das Zitat daraus bringt zunächst den üblichen Marketingsprech und dann eine Irritation für mich:

„‚Der Start von Ruhr.2010 hat unsere Erwartungen weit übertroffen. Menschen und Medien sprechen von einem beeindruckenden Erlebnis und transportieren neue Bilder vom Ruhrgebiet‘, sagt der Ruhr.2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt in Essen. Viele Veranstaltungen seien fast oder komplett ausverkauft. Zahlen zu den bisherigen Besuchern gebe es derzeit aber nicht.“

Wieso werden denn keine Zahlen veröffentlicht? Wenn die gut wären dann wäre das die beste Werbung. Wenn die nicht erfasst werden (vielleicht aus Kostengründen?) dann wäre das eine vertane Chance für ein wichtiges Feedback.

Aber die Pressemeldung bringt natürlich auch schon das Negative: Kürzungen in den Kulturetats und Finanzkrise in den Städten. Und die Freie Szene sei nicht genügend berücksichtigt (will die das überhaupt? wäre die dann noch frei?). Fabian Lettow von der freien Theatergruppe Kain-Kollektiv aus Bochum sagt darin: „Das Kulturhauptstadt-Jahr erweitert nicht die Möglichkeiten freien und künstlerischen Arbeitens“. Nun denn, gut das ich das erst nach meinem Besuch im Luftschutzbunker Sodingen lese (sonst wäre ich da vielleicht nicht hingegangen?-).

————————————————————–

Das Deutschlandradio Kultur bringt da eine schärfere und treffendere Zusammenfassung, aufgezeigt an den Aktionen des Kulturhauptstadtjahres selbst wie die Uraufführung der Odyssee Europa oder der Ausstellung Helden in Hattingen. Sie fragt:

„Was bringt es noch, Ballons über den Schachtanlagen schweben zu lassen und die Autobahn A 40 für ein großes Bürgerfest zu sperren, wenn gleichzeitig die kommunale Kultur am Ende ist? Die Kulturhauptstadt hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, sie will den Strukturwandel anfeuern. Nun sollte sie eine Vision für die Region entwickeln, wie eine Kulturlandschaft der Zukunft aussehen soll.“

Und rüttelt zum Schluss auf:

„Das Jahr der Kulturhauptstadt entscheidet über die Zukunft des Reviers. Wenn es nun nicht gelingt, die Zerstörungskraft der Finanzkrise einzudämmen, verpuffen die vielen Anregungen und Kick-Offs in der Hoffnungslosigkeit.

Die Ruhr 2010 steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Sie muss der think tank der Region sein. Bisher allerdings hat man nicht den Eindruck, dass die Macher den Ernst der Lage verstanden haben.“

Die Frage ist nur ob irgendjemand das Rütteln auch spürt.

——————————————————————————

Und meine ganz persönliche Bilanz?

Schöne Feste, tolle Ausstellungen. In meinem Kopf vernetzen sich immer mehr Orte und Menschen und Begebenheiten zum Ruhrpott miteinander und immer wieder gibt es Heureka-Erlebnisse. Immer mehr entwickele ich (in Kölle geboren, im Münsterland aufgewachsen und im Pott „nur“ eine Zugezogene) für diese Region heimatliche Gefühle.

Um so mehr frisst es mich an, was hier alles nicht gut geht. Oder gar nicht geht. Was klebt bei mir aufem Auto so schön?

%d Bloggern gefällt das: